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Aussteiger berichten

 

Hier sind die Berichte von Aussteigern!


 

"Schlüssel zum Tor des Vegetierens"

Irene Saft erlebte totalen Realitätsverlust / Mit Heilfasten begann dreijähriger Leidensweg

Höhefeld. "Das könnte mir nie passieren". Das dachten sicherlich viele Zuhörer beim Vortrag von Irene Saft aus Heilbronn, die über ihre Erfahrungen mit dem "Universellen Leben" (UL) berichtete. Doch man konnte im Höhefelder Gemeindesaal den Eindruck gewinnen, daß es sich bei Saft um einen Person handelt, die das vor ihren Erlebnissen auch einmal von sich behauptet hat.

Sehr ausführlich berichtete Irene Saft, wie sie erstmals mit der Sekte in Berührung gekommen sei. Im Oktober 1991 habe sie sich in der "HG Naturklinik Michelrieth" zum Heilfasten aufgehalten. "Ich kam total blauäugig dorthin", sagte die Referentin. Überrascht habe sie die Freundlichkeit und das angenehme Ambiente in der Klinik. Barrieren zwischen Arzt und Patienten habe es nicht gegeben, da sich alle "dutzten".

Heute ist Saft der Überzeugung, all diese Verhaltensweisen und auch die Einrichtung dienten nur zum Zweck, daß sich die Patienten "fallen lassen" und dadurch beeinflußbar werden. In der Klinik habe man sich nie ohne Begleitung bewegt. "Ich glaube heute, daß ich ständig unter Beobachtung stand", sagte die "Aussteigerin".

Zu dieser "Beobachtung" zählte die Referentin auch eine Frau, mit der sie sich während des Aufenthaltes anfreundete. "Ich gehe davon aus, daß sie auf mich angesetzt wurde". Auf dem Programm standen neben sogenannten "Heilmeditationen" auch tägliche Gruppengespräche. Dabei sei versucht worden, den "Patienten" näherzubringen, Krankheiten resultierten auschließlich daraus, daß man sich nicht an die zehn Gebote und die Bergpredigt halte. Wobei diese nichts mit den biblischen Ausführungen zu diesem Thema gemein hatten. Werde in der ersten Woche "der Körper aufbereitet", wie Saft es ausdrückte, so werde in der der zweiten versucht, die Menschen unmerklich und sehr sachte zu programmieren. Dazu zählte sie auch, daß ausschließlich Filme über Reinkarnation gezeigt würde. Sie habe sich ständig wie in Trance gefühlt, ohne dies in einen direkten Zusammenhang mit den verabreichten Tropfen zu bringen. Noch heute wisse sie nicht, so Saft, wofür oder wogegen sie diese eingenommen habe.

Nach ihrem Aufenthalt sei es wie ein innerer Zwang gewesen, sich immer wieder in den "Dunstkreis" der Sekte zu begeben. Sie habe den Eindruck gehabt, sogenannte "Erleuchtungen" und andere paranormale Phänomene zu erleben. Irene Saft bezeichnnete das als "totalen Realitätsverlust" und "Hyperaktivität des Bewußtseins". "Die Seele wird gereinigt", sagte das UL zu diesem Zustand. Wie eine Süchtige habe sie alle Schriften der Sekte gelesen und sich in eine immer größere Abhängigkeit begeben. "In diesem Zustand haben Sie keine Chance auszusteigen", so die Referentin. Gerade für Angehörige sei es unglaublich schwer, in dieser Phase "an einen" heranzukommen. Nachdem man diesen Grad der Abhängigkeit erreicht habe, werde "die Schraube" angezogen. Die Freundlichkeit verwandle sich immer mehr in Druck: "Du mußt Dich endlich entscheiden, zu wem Du gehörst".

Dankbar zeigte sich die "Aussteigerin" gegenüber ihrem Mann, der ihr letztlich gemeinsam mit einem sogenannten "Ausstiegsberater" geholfen habe, sich von der Sekte zu lösen. Enttäuscht sagte Saft: "Man hat mich belogen und getäuscht". Sie bezeichnete im Gegensatz zu dem vom UL gebräuchlichen Slogan: "Schlüssel zum Tor des Lebens", die Organisation als "Schlüssel zum Tor des Vegetierens". Der zweiwöchige Klinikaufenthalt habe ihr einen dreijährigen Leidensweg beschert.

Da einige Zuhörer sich nicht vorstellen konnten, daß man das Bewußtsein eines Menschen so tiefgreifend beeinflussen könne, zitierte Clara Bregenzer, sektenpolitische Sprecherin der SPD-Lantagsfraktion, aus einem psychologischen Gutachten, das über dieses "Phänomen" angefertigt wurde. Dort heißt es: Angestrebt werde eine innere Leere, in die der "Geist Gottes" Einzug halten könne. Diese Beeinflussung werde mit Hilfe von Meditation erreicht. In der meditativen Phase dringen Aussagen unmerklich sehr tief ins Bewußtsein ein.

Zuhörer wollten wissen, wie bekannt das UL in Deutschland sei. Obwohl es 21 sogenannte "Innere Geist = Christus Kirchen" gebe, habe man sich nicht mit dem UL beschäftigt, meinte Bregenzer. Ihr Vorwurf auch an die eigene Fraktion: Wir haben in der Vergangenheit uns zu sehr fast ausschließlich mit Scientology beschäftigt." Sie habe sich vorgenommen, allen Ortsvereinen in Baden-Württemberg Informationsveranstaltungen über das Wirken des UL anzubieten. "Wir können niemandem verbieten, dorthin zu gehen", so Bregenzer. Aber den Leuten müsse klar gemacht werden, worauf sie sich einlassen.

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Anhang 2: Mein Leben, ein zweites Mal neu geschenkt

Im Anschluß an die Publikation dieses Buches erreichten mich eine Fülle von erschütternden Dokumenten von Aussteigern aus dem Universellen Leben.
Kaum eine Zeugenaussage aber hat mich mehr bewegt, als der Brief einer Mutter,
die jahrelang um ihre Tochter kämpfte. Beigefügt war auch der Bericht ihrer Tochter, die ihre Sektenzugehörigkeit fast lebens- und denkunfähig gemacht hatte. Sie büßte ihren Realitätssinn mehr und mehr ein und wurde schließlich so krank, daß sie sich jahrelanger psychiatrischer Behandlung unterziehen mußte.
Die Mutter schreibt: „Seit meine Tochter M. vor zehn Jahren die Verbindung zu der Sekte Universelles Leben aufnahm, mußte ich schmerzlich erleben, wie sie mit einem sich steigendem Fanatismus alles förmlich in sich aufsaugte, was ihr den Zugang zu den Heilsversprechen und der Seelenrettung dieser Sekte eröffnen konnte.
Sie gab rasch alles auf, was ihr Leben bis dahin bestimmt und bereichert hatte. Ihre stark ausgeprägten intellektuellen Bedürfnisse verkümmerten in einer geradezu unvorstellbaren Weise, bis zu ihrem erschütternden Bekenntnis im vergangenen Sommer, nur noch gedankliche Leere zu empfinden. Sie büßte jede Kritik und Urteilsfähigkeit ein, und ihr vordem sehr differenziertes Weltbild reduzierte sich auf das einer naiven Heranwachsenden. Ihr über all die Jahre ihrer Entwicklung hinweg und dann im Sprachenstudium intensiv geschultes sprachliche Vermögen und ihr umfangreicher Wortschatz wandelten sich in eine häufig sermonfafte, unnatürlich wirkende Sprache.“
Die Tochter spricht von einer regelrechten Sucht nach den Schriften, Kursen und Medien der Sekte. „Nach dem Tod meines Vaters geriet ich ( vor zehn Jahren ) in eine Lebenskrise. Die Suche nach einer Möglichkeit zur Aufarbeitung der Probleme, die ich mit meinem Vater gehabt habe, führte mich zum UL. Ich heilfastete und fand in einem Naturkostladen, der Bücher auslieh, die scheinbar dazu passende Literatur-eine Schrift des UL, Erkenne und heile dich selbst durch die Kraft des Geistes.“ Bald besuchte sie Versammlungen der Innere-Geist-Christus-Kirchen, wo ihr auffiel, daß dort zwar das Vaterunser gebetet wurde, aber in merkwürdig veränderter Form:
„ .. unser Reich kommet ... und vergibst uns unsere Schuld ... Du führst uns in der Versuchung und erlöst uns von dem Bösen. Denn unser ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit von Ewigkeit zu Ewigkeit“ (Hervorhebungen vom Autor).
Heute meint M. dazu: „Das ist Forderung, nicht Bitte. Hinter diesem Gebet steht der hochmütige Anspruch göttlich zu sein“. Mehr und mehr geriet sie in den suggestiven Sog der Sekte, ihrer Lehre und der vermeintlich übernatürlichen Kräfte ihrer Prophetin: „Die "Christustrahlungen" waren so stark, daß ich mich beim ersten Mal an einem Stuhl festhalten mußte, um nicht umzufallen.
 

Seit Mai 1990 lehrte Gabriele Wittek das sogenannte "Absolute Gesetz", das übergeordnet sei dem vorhergelehrten "Gesetz von Saat und Ernte" (Was dich an deinem Nächsten stört, liegt in dir selbst). Durch Anwendung des zuletzt genannten Gesetzes fühlte ich mich schuldig, denn es gab an den "Geschwistern" vieles, was mich störte, so daß ich glaubte, daß mir eine große Seelenschuld anlastete. Bei jeder "Offenbarung" empfand ich einen enormen Verwirklichungsdruck, denn die Grundaussage jeder "Offenbarung" war für mich: Mein Kind, ich liebe dich, aber, wenn du dich jetzt nicht änderst, wirst du bald auf grauenvolle Weise sterben und im nächsten Leben auf niedriger Stufe inkarnieren.“

 Aus der Distanz weniger Monate heraus kann M. heute schon klar analysieren, was man mit ihr und anderen suchenden Menschen gemacht hat: Gebete, Lieder und Meditationen dienten dazu, Verstand und Vernunft auszuschalten und das Unterbewußtsein neu zu programmieren: ´unpersönlich´ sollen die Anhänger werden, ihre Individualität aufgeben. Denjenigen, die sich dagegen wehrten, wurde Angst gemacht „mit der Ankündigung, daß bis zum Jahr 2000 alle Menschen, die noch nicht auf der „Weisheits- oder Ernststufe“ stehen, zur Sühne ihrer vielen Sünden einen schrecklichen Tod sterben werden. Bis zum Jahr 2000 sollten die Russen den Westen besetzen, sollte der Dritte Weltkrieg - ein Atomkrieg - stattfinden, eine Giftwolke sollte so gefährlich sein, daß wir zwei Monate lang in Kellern zurückgezogen leben sollten, um überleben zu können, Deutschland sollte bis zum Praktiker-Markt in Würzburg-Lengfeld überflutet werden. Es sollte eine Erdverschiebung erfolgen, so daß Würzburg dorthin verschoben würde, wo jetzt Jerusalem liegt. Die Temperaturen sollten für einige Zeit auf minus 30 bis 40 Grad sinken, so daß man nur mit entsprechender Isolierkleidung überleben könnte. Ein Polsprung war zu erwarten. Viele Häuser des UL sind mit erdbebensicheren Kellern versehen. Vor Orkanen sollten Barrikaden vor den Fenstern schützen. Mein Mann, der fanatischer UL-Anhänger ist, legte dementsprechend ein Lebensmittellager (Wert: ca. DM 1000,-) im Keller und auch in der Wohnung und auf dem Dachboden an, kaufte einen Kohleofen, weil ja die Elektrizität ausfallen würde, schaffte sich ein Beil und eine Axt an, um in der Endzeit im Wald Bäume als Brennholz fällen zu können und kaufte Jacken und Schlafsäcke, die für Extremtemperaturen geeignet sind. Er füllte massenweise Filterwasser in 10-Liter-Kanister, damit wir Flüssigkeit haben würden und kaufte im Jahr 1990 so viel Toilettenpapier, daß noch heute - 6 Jahre später - etwas davon vorhanden ist. Ich war überzeugt, daß alles, war im UL gelehrt wird, der Wahrheit entspricht und zweifelte keinen Augenblick an der Autorität der 'Prophetin' Gabriele Wittek.“

 Immer tiefer geriet M. in die Fänge der Sekte: “Ich hatte inzwischen den tiefen Wunsch, am Aufbau des Friedensreiches Jesu Christi aktiv mitzuwirken. Deshalb arbeitete ich in und bei Würzburg als ´Biene´ in verschiedenen Christusbetrieben als Marktfrau, als Spül- und Küchenhilfe und Putzfrau, wurde jedoch nirgends fest angestellt, weil ich mich nicht der rigiden Disziplin in diesen Betrieben unterwerfen wollte. Mein Studium hatt ich zu dem Zeitpunkt längst so vernachlässigt, daß an einen Abschluß nicht mehr zu denken war.“

 Eine besonders verhängnisvolle Rolle für M. spielte ihr Mann. Als sich nämlich bei der jungen Frau unter dem ungeheuren Psychodruck der Sekte psychopathologische Störungen herausbildeten, verstärkte er diesen noch. So schreibt die Mutter: „Er schürte u.a. beständig die Angst in ihr, daß mit der sogenannten schizo-affektiven Psychose eine ´starke Belastung ihrer Seele ausfließen würde´.
Verzweifelt berichtete mir M. immer wieder, es verginge kaum ein Tag, an dem er ihr nicht vorwarf, daß ihre Seele höchstens auf der ´Ordnungsstufe´stünde und daß sie davon ausgehen müsse, bis ans Ende ihres Lebens so krank zu bleiben.“

 M. selbst beschreibt ihren Weg in die Psychiatrie so: „Kurze Zeit nach der Geburt meines Sohnes U. beschäftigte ich mit ganz besonders intensiv mit der UL-Schulung: morgens und abends las ich mir selbst Meditationen vor, las alle neu erschienenen Schriften, hörte stundenlang die Lieder- und Musikkasetten, arbeitete mit sogenannten ´Bewußtseinsstützen´(„Sei still, Mensch, denn du bis ein Tempel des Einen Heiligen, der in dir wohnt“, „Dringe niemals in das Reich deines Nächsten ein“, „Liebe alle und alles und du wirst frei“), die ich überall in der Wohnung verteilte, führte ein ´mystisches Tagebuch´, wie es bei Intensivschul-Schülern üblich ist: Auf der linken Seite kamen die negativen, auf der rechten Seite die positiven Gedanken und Erfahrungen bezüglich der geistigen Aufgaben des Tages. All dies führte zu einer schizophrenen Bewußtseinsspaltung. In sogenannten schizo-affektiven psychotischen Schüben bildete ich mir ein, in kürzester Zeit auch ein ´Geistwesen im Erdenkleid´ zu sein und zwar die Nachfolgerin Gabriele Witteks, das den ´Geschwistern´ die Liebe Gottes bringen wollte, um die Welt vor allen Bedrohungen und Gefahren zu retten.“

 Und wie reagierte die Sekte? M. schreibt: „Auf dieser Stufe der Entwicklung wurde in meinem sozialen Umfeld die Gefahr für mich wohl erkannt und man verwehrte mir den Zugang zu UL-Materialien und Veranstaltungen, doch hatte dieser Versuch keinerlei Wirkung - meine geistige und seelische Abhängigkeit von der UL-Denkweise und dem UL-Weltbild hatte längst eine verhängnisvolle Eigendynamik entwickelt und zu echtem Suchtverhalten geführt. Trotz des offiziellen Verbotes, weiter zu meditieren und UL-Schriften zu lesen, besorgte ich mir solche Schriften und las in ihnen, wann immer in konnte.“

 Was dann folgte, beschreibt M. mit starken Worten: „Ich durchlebte und durchlitt eine wahre Hölle von jahrelangen aufreibenden Kämpfen darum, eine gute Mutter, Ehefrau und Arbeitskraft zu werden. Ich suchte verzweifelt nach einem Ausweg aus dem Dauerkonflikt zwischen den in meinem Ober- und Unterbewußtsein manifestierten UL-Programmen und den Bedürfnissen meiner eigenen Persönlichkeit, die in meiner Würzburger Umgebung niemand kannte, wie mir immer deutlicher zu Bewußtsein kam. Der einzige Mensch, der mich wirklich kannte, war meine Mutter, zu der ich jedoch nur fernmündlichen Kontakt haben durfte - und dieser Kontakt wurde immer wieder monatelang von meinem Mann völlig unterbunden. Ich geriet in psychische, geistige und materielle Abhängigkeit von meinem Ehemann, der mir und meinem Kind gegenüber totalitär auftrat, d.h. für sich beanspruchte, die unumstößliche Wahrheit zu sagen, wobei er sich dabei wiederholt auf Gabriele Wittek und die Christusärzte berief. Als mir dies bewußt wurde, sah ich keine andere Möglichkeit, als vor meinem Mann nur mit einer Handtasche zu fliehen. Äußerlich habe ich alles verloren. Aber innerlich habe ich meine geistige Freiheit wiedergewonne. Ich kam als ein nervliches Wrack bei meiner ahnungslosen Mutter an.“ Die Mutter schreibt: „Sie ließ sogar ihr Kind im Vorschulalter zurück. Unter dramatischen Umständen gelangte sie in die psychiatrische Anstalt in meiner Nähe und kämpft zur Zeit darum, ihre Identität wiederzugewinnen und noch einen Weg zu sozialer Integration zu finden.“

 Die Tochter schreibt heute: „Ich hielt mich freiwillig in dieser Klinik auf. Erst hier, weit weg von Würzburg, konnte mir die Aufarbeitung all dessen gelingen, was meine Persönlichkeit im Laufe von zehn Jahren systematisch zu zerstören drohte und mich Anfang dieses Jahres fast in den Selbstmord getrieben hatte.
Momentan habe ich das Gefühl, mein Leben ein zweites Mal geschenkt zu bekommen. Inzwischen bin ich auch davon überzeugt, daß ich meiner Mutter wieder ihre Tochter und nicht mehr eine Fremde sein werde. Ich habe das sichere Selbstbewußtsein, daß es mir in absehbarer Zeit möglich sein wird, wieder ein normales Leben zu führen.“(Namen wurden wegen Personenschutz abgeändert und abgekürzt).
 
 

Aus: H.W. Jungen: „Universelles Leben: Die Prophetin und ihr Management“
Pattloch-Verlag, Augsburg, 3. Auflage, 1996, ISBN 3-629-00675-2
Mit freundlicher Genehmigung von Autor und Verlag
 
 
 


24. Statt eines Nachwortes
Volker Kempf:

"Liebe Geschwister im UL..."

 Am Ende dieses Buches will ich einen Mann zu Wort kommen lassen, der viele Jahre im UL tätig war. Als ich ihm davon erzählte, ein Buch über das UL zu schreiben, war es ihm ein inneres Anliegen, sich direkt an seine ehemaligen "Mitgeschwister" im UL zu wenden. Er weiß, welches Risiko er damit auf sich nimmt. Ich bewundere seinen Mut und seine Offenheit. Er schreibt:

Liebe Geschwister im UL,

ich weiß, daß ich im UL als "Nestbeschmutzer" und "Verräter" abgestempelt werde. 1991, als ich selbst noch zur "Bundgemeinde Neues Jerusalem" gehörte, galt man jedenfalls als " Bundesbrecher", wenn man aus der Gemeinschaft ausstieg. Man hing am Schwarzen Brett einen Zettel aus, auf dem es sinngemäß hieß:
"Den Bund mit dem Vater im Himmel hat gebrochen... (hier erschien der Name des Ausscheidenden). Damit hat er einen Pakt mit dem Teufel geschlossen.
Leider hat sich an dieser Vorgehensweise anscheinend bis heute nichts geändert.
Ist es aber wirklich so einfach ? Existieren wirklich nur Licht und Finsternis ? Gilt das Schwarz-- Weiß--Denken, wie es im UL an der Tagesordnung ist, wirklich in dieser Form - oder besteht unsere Wirklichkeit nicht vielmehr aus unzähligen Farbabstufungen, von weiß über grau zu schwarz ? Ich meine schon. Die Erklärung der Welt, wie sie im UL vorgetragen wird, ist in meinen Augen etwas für unmündige Kinder: aber nichts für ausgereifte Menschen.
Ich frage Euch: Ist dieses Denken wirklich christlich? Hat Christus auch so gedacht und gehandelt ? Wirkt im UL wirklich der Heilige Geist, der lebendig macht? Oder wirken nicht vielmehr Menschen im UL - mit menschlicher Schläue und menschlicher List?
Als ich vor vielen Jahren in das UL hineinschlitterte, hieß es noch "Heimholungswerk Jesu Christi". Auch damals gab es schon Aussteiger, Menschen, die das "göttliche Werk" wieder verließen und andere Wege gingen. Wie anders ging man damals mit diesen Menschen um als später! Damals hieß es noch, man solle die Austretenden mit "guten Gedanken" ziehen lassen. Warum ist diese Lehre auf der Strecke geblieben, warum werden Aussteiger wie ich heute "verteufelt".
Ich meine, es hat sich etwas Entscheidendes im UL geändert: die Verpackung stimmt nicht mehr mit dem zusammen, was wirklich gelebt wird. Auf der Verpackung heißen die Aufschriften "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Gott, Christus, freier Wille, Geschwisterlichkeit usw..." Aber ist es nicht so, daß wir in der Verpackung oftmals Machtstreben, Geltungssucht, Raffgier, Unfreiheit, Herrschsucht, Pein, Weh, Schmerz, Leid und Verwirrung fanden? Ich bin heute der Überzeugung, die Führer des UL benutzen die Verpackung, um Menschen anzulocken. Die Worte, die auf der Verpackung des UL stehen, wirken wie Honig, der die Bienen anlockt. Die Bienen - suchende Menschen wie Ihr und ich. Heute glaube ich, "Wölfe im Schafspelz" "säuseln" den Menschen in UL- Veranstaltungen etwas vor. Nach und nach wird der Mensch umgarnt; sein freier Wille wird - unmerklich für den Betroffenen selbst - eingeschränkt und ausgeschaltet. Es ist, als ob man bestimmte Gehirnregionen abschaltet, um kritisches Denken zu verhindern. Dies geschieht in Schritten und ist ein längerer Prozeß.
Der erste Schritt ist die "Lockphase". Großveranstaltungen, Tagungen, Kurse, Schriften, Cassetten sollen den Menschen anziehen.
Dann kommt der zweite Schritt, die "Vorbereitungsphase": Man läßt sich auf UL-Schulungen ein oder nimmt an Fernkursen teil, die allerdings für den "Manipulator" nicht ganz so sicher sind wie die persönliche Teilnahme an Schulungen. In dieser Phase wird der Mensch in seinem bisherigen Denken verunsichert, damit er später umprogrammiert werden kann.
Den dritten Schritt will ich "Isolationsphase" nennen. Sie ist der Beginn der Umprogrammierung. Diese Phase beginnt, wenn der Mensch verunsichert genug ist. Es werden Phrasen von der "dämonischen Welt da draußen" verbreitet; es heißt, der bisherige Bekanntenkreis, die Familie wolle einen vom " Inneren Weg zu Gott" abhalten. Ich spreche aus eigener Erfahrung, wenn ich sage: In dieser Phase wird die "rosarote Sektenbrille" verpaßt. Es wird die Rückkoppelungsmöglichkeit zu anderen Menschen, die nicht zur UL-Sekte gehören, ausgeschaltet.
In einem vierten Schritt, den ich "Aussaugphase" nenne, wird der Mensch, der sich von der Außenwelt abgelöst und ganz der Sekte verschrieben hat, ausgebeutet. Es beginnt die " Erntezeit", wie ich diese Phase im UL nenne. Der Mensch wird zum Roboter oder Sklaven, der von Programmen und Anweisungen der Führung ständig in Trab gehalten wird. Es wird den Menschen Lebensenergie in vielfacher Form entzogen: indem man permanent überfordert wird, indem man mit Aufgaben für die Gemeinschaft überfüttert wird, indem man an Schulungen teilzunehmen gedrängt wird. Wer kommt bei der Fülle der Vorgaben im UL noch wirklich zum Nachdenken?
Da aber der Mensch, wie ich glaube, als freies Kind Gottes geschaffen ist, kann man seine innere Freiheit zwar für einige Zeit ausschalten, aber man kann sie nicht zerstören. Es gibt Menschen wie mich, die sich an irgendeinem Punkt ihres Lebens im UL nicht mehr beherrschen lassen, die von Gott so dicht an die Mauer des Leids und der inneren Schmerzen herangeführt werden, daß sie erwachen und durch die Mauer der Pein, die das UL geschaffen hat, durchbrechen. Dies geschieht auch nicht auf einmal, sondern ebenfalls in Schritten. Gottes Mühlen mahlen auch hier langsam.
Irgendwann meldet sich das eigene Ich tief im Innern des Menschen. Es ist nicht zu zerstören und will leben. Deshalb kommt der Mensch in einen Konflikt: Man hat ihm eingetrichtert "Du hast den Bund mit Gott geschlossen und darfst ihn nie brechen!" oder "Nur innerhalb des UL kannst du deine Aufgabe erfüllen!". Sein eigenes "höheres Selbst" (wie man das Ich im UL nennt) sagt ihm: Das alles kann nicht wahr sein; du bist getäuscht worden; vieles, was im UL läuft, ist nicht richtig.
General Paulus mußte vor Stalingrad einen ähnlichen inneren Kampf führen: Er erkannte, daß Hitlers Befehle zum Tod von abertausenden Soldaten führten. Auf der anderen Seite war er durch den " Führereid" an Hitler gebunden. Erst nach langer Zeit konnte sich sein Gewissen durchsetzen, und mit der Kapitulation der 6. Armee sorgte General Paulus dafür. daß nicht noch mehr Menschen vor Stalingrad im Kampf fielen.
Ähnlich wie General Paulus kämpft auch der UL-Anhänger einen langen Kampf in seiner Seele, erkennt, daß die Führung nicht richtig handelt und wird vom Gewissen gemahnt, ihr nicht zu folgen. Aber die "Eide", der "Bundesschluß mit Gott", die Verpflichtungen, die man übernommen hat: Kann man das alles zur Seite schieben und sich vom UL lösen?
Ja, liebe Geschwister, man kann. Ich und andere haben es geschafft und auch Ihr könnt es schaffen, wenn Ihr der Stimme Eueres Gewissens und Eueres eigenen "höheren Selbsts" folgt.
Das große Erwachen kommt meist erst, wenn man die Sekte ganz verlassen hat, wenn man frei geworden ist. Ich selbst war mittellos, als ich mich von der Sekte löste, ich bin in Not geraten, ich mußte wieder ganz von vorne beginnen, wieder aufbauen, was zerstört war. Auf der anderen Seite fiel, als ich die Sekte verließ, ein grauer Schleier von meinen Augen. Ich konnte die Welt und Erde wieder so sehen, wie sie sind: wunderbar und liebenswert - nicht dämonisch, wie es im UL heißt.
In der Sekte sagte man nach meinem Austritt wohl: Jetzt hat ihn die dämonische Welt wieder. Aber dem ist nicht so. Durch meinen Austritt aus dem UL habe ich mich selber wieder. Ich bin nicht mehr in der Hand von anderen, die mir sagen, was ich zu tun und zu lassen habe. Ich darf mein Leben heute wieder aus eigenem Antrieb heraus gestalten.
Natürlich: nach meinem Austritt aus dem UL begann für mich eine schwere Zeit des Aufarbeitens. Man befindet sich in einem jämmerlichen inneren Zustand. Hinzu kommt: Man steht zunächst mit seinen Sorgen allein da, seelisch, körperlich und finanziell ausgesaugt. Ein Scherbenhaufen! Oft ist eine psychologische Beratung angezeigt, um in der "normalen" Welt wieder Fuß fassen zu können.
Ich kann aus meiner eigenen Erfahrung sagen: Das Verhalten der Gesellschaft Aussteigern gegenüber läßt zu wünschen übrig. Ich habe lange gebraucht, Menschen zu finden, die mich verstehen, die mir helfen, mit den Folgen des Lebens im UL zurechtzukommen. Ich möchte nicht verschweigen, daß ich einige Aussteiger kenne, die in manchen dunklen Stunden nach ihrem Ausstieg am liebsten wieder in das UL zurückgekrochen wären.
Was mich bewogen hat, die dunkle Zeit auszuhalten: Nie wieder, so sagte ich mir, werde ich meine wiedergewonnene Freiheit aufgeben! Ich kann heute tun und lassen, was ich will. Ich kann mich heute in diesem Buch an Euch wenden und Euch zurufen: Laßt Euch nicht mehr manipulieren! Wagt es, eigenverantwortlich zu leben! Tragt die Folgen Eueres Handelns selbst! Laßt Euch nicht mehr gängeln und an der kurzen Leine irgendwelcher Prophezeiungen führen. Ihr brecht nicht den Bund mit Gott, wenn Ihr das UL verlaßt. Es ist schlichtweg eine Lüge zu behaupten, nur innerhalb des UL könne man Gott dienen. Innerhalb des UL dient man meiner Meinung nach nicht Gott, sondern dem Bankkonto der UL-Manager.
Jeder Mensch muß die Aufgabe, die Gott ihm zugedacht hat, selber finden: Gott diktiert diese Aufgabe nicht, er indokriniert nicht und er läßt diese Aufgabe auch nicht von einer "Prophetin" verkünden. Gott spricht vielmehr im Inneren des Herzens zu jedem Menschen.
Ich spreche Euch bewußt als "Geschwister" an, weil man Euch im UL so nannte, obwohl es, wie Ihr wißt, nicht immer geschwisterlich zuging. Jeder von Euch kennt die UL-Schlagwörter zur Genüge und jeder von Euch weiß: Zuerst kommen die Wörter; dann die Schläge. Warum? Weil letztlich hinter den frommen Schlagwörtern eine kleine Interessengruppe von Leuten steht, die alle Geld und Macht wollen. So sehe ich es. Wenn jemand glaubt, ein Wirtschaftsimperium aufbauen zu müssen, dann soll er das tun, aber ohne seinen Nächsten mit frommen Sprüchen zu ködern und ihn dann für seine wirtschaftlichen Ziele einzuspannen.

 Liebe Geschwister,

sagt "Nein" zu allem, was Euch krank macht; sagt "Nein" zu allen, die Euch vordenken wollen, die Euch Vorschriften machen. Gebt Eueren Verstand nicht an der Garderobe des UL ab, sondern vergleicht das Verhalten Euerer Führer mit den frommen Worten, die ihnen täglich über die Lippen laufen. Laßt Euch nicht mehr leben, schüttelt die Sektenprogramme ab, die Euch psychisch und physisch uniformieren. Wendet Euch an Menschen außerhalb des UL, die Euch helfen können, wieder Ihr selbst zu werden. Mütter, Väter, Brüder, Schwestern und andere Angehörige und Freunde haben Euch noch nicht vergessen und warten nur darauf, daß sie Euch wieder in ihre Arme schließen können.

Volker Kempf

Quelle:

Universelles Leben: Die Prophetin und ihr Management

Hans-Walter Jungen, Pattloch - Verlag ISBN 3-629-00675-2


 

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Anhang 2: Mein Leben, ein zweites Mal neu geschenkt